Denkt an die Gefangenen, als wäret ihr mitgefangen; denkt an die Misshandelten, denn auch ihr lebt noch in eurem irdischen Leib! (Hebr. 13,3)
Liebe Gemeinde!
Wie beenden Sie eine Mail oder einen Brief? Bei mir steht oft „AL C“ für „Alles Liebe, Christiane“.
Wenn es etwas förmlicher ist, kommen dann die „freundlichen bzw. schönen Grüße“ hinzu und wenn es passt auch: „Gottes Segen“ Ihre Pfarrerin C. Fiebig-Mertin.
Was ich nicht mache, ist noch einmal alles zusammenzufassen und auf den Punkt zu bringen. Vielleicht mache ich es nicht, weil ich schon vorher versuche mich kurz zu halten.
Der unbekannte Verfasser des Hebräerbriefes bringt am Ende seines Briefes – und das nach 12 Kapiteln – nun doch noch einmal alles auf einen Punkt. In den unterschiedlichen Bibelausgaben steht darum oft darüber: „Abschließende Ermahnungen“.
Im ersten Moment scheinen es Handlungsanweisungen zu sein.
Doch im Kern geht es um das, was die christliche Gemeinde im Innersten zusammenhält um die „brüderliche Liebe“ besser gesagt „geschwisterliche Liebe“, in der die Gemeinde festbleiben soll.
Wörtlich steht da: „1 Bleibt fest in der brüderlichen Liebe. 2 Gastfrei zu sein vergesst nicht; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt. 3 Denkt an die Gefangenen, als wärt ihr Mitgefangene, und an die Misshandelten, weil auch ihr noch im Leibe lebt.“
Die geschwisterliche Liebe soll unter den Menschen herrschen. Und das angesichts einer Welt, die dunkel und bedrohlich wirkt. So warnt der Brief davor, nicht glaubensmüde zu werden in den schwierigen Zeiten der Anfechtung und Verfolgung oder sich ganz und gar vom Glauben abzuwenden. Vielmehr wird gewünscht, etwas sehr Selbstverständliches in der damaligen Zeit zu tun. Gastfreundlichkeit zu üben, also Fremde bei sich aufnehmen. Das war selbstverständlich, was leider heute oft nicht mehr der Fall ist.
Der unbekannte Verfasser des Hebräerbriefes weist darauf hin, dass man in diesen schwierigen Zeiten einander helfen soll und an die Gefangenen denken, als wäre man mitgefangen.
Gut, wir sitzen heute nicht im Gefängnis, so wie viele Christen damals, die aufgrund ihres Glaubens verfolgt wurden.
Dennoch frage ich mich: Worin sind wir alle heute gefangen?
Straftäter sitzen in einem Gefängnis.
Aber viele sind auch in ihrer Arbeit gefangen.
Manche sind in toxischen Beziehungen gefangen.
Viel zu oft sind wir in der Meinung anderer über uns gefangen.
Und wir sind befangen anderen gegenüber.
Das Zeitgeschehen hat uns mit seinen Tentakeln genauso im Griff wie der Zeitplan oder der Terminkalender.
Wir sind gefangen in den Verwirrungen der Gefühle und in der Sogwirkung von Meinungen und soziale Strukturen.
Die Bande von Krankheiten fesseln uns, so wie der Gruppenzwang, aber auch der Mainstream.
Gefangen sind wir alle – auf die ein oder andere Art und Weise! Wir alle leben noch in unserem irdischen Leib! Und wenn jemand meint, frei zu sein, dann soll er an diejenigen denken, die dann doch gefangen sind in den Dingen des Lebens.
Kann denn jemand überhaupt frei sein, frage ich mich.
Ja, denn ein Christ ist durch den Glauben frei und niemanden untertan und doch jedermann untertan (nach Luther).
Jeder/Jede benötigt jemanden, der ihm/ihr den Weg in die Freiheit zeigt.
Also zeigt ein bisschen Mitgefühl, seidgeschwisterlich und denkt nicht nur an Euch selbst.
Denkt an andere, als ginge es um euch selbst.
So appelliert der unbekannte Verfasser an unser Mitgefühl.
Mit Gottes Segen grüßt Sie Ihre Pfarrerin

